Auf der Jagd nach der blauen Orchidee

Menschen haben sich schon immer von Orchideen verzaubern lassen. In China werden diese außergewöhnlichen Pflanzen bereits seit 3.000 Jahren verehrt. Dass exotische Orchideenarten aus tropischen Ländern nach Europa gelangten, soll einem Zufall zu verdanken sein. Angeblich fand die Cattleya labiata nur als eine Art pflanzliches Verpackungsmaterial für ein anderes Gewächs ihren Weg aus Brasilien nach England. Dort fiel die ungewöhnliche Pflanze sofort auf: Ein Teil der Cattleyas wurde an den Botanischen Garten in Glasgow gesendet, aber auch der Londoner Blumenfreund William Cattley, nach dem sie später benannt werden sollten, erhielt einige Exemplare. Ihm gelang es, die brasilianische Unbekannte im Jahr 1818 zum Blühen zu bringen und ihre ungewöhnliche Blüte löste alsbald ein hitziges Orchideenfieber aus – es dauert bis heute an!

Im Auftrag von Gärtnereien und wohlhabenden Sammlern reisten beauftragte »Orchideenjäger« in weit entfernte, fremde Länder, sie sollten möglichst viele und noch spektakulärere Orchideenarten finden, um sie nach Europa zu bringen. Viele überlebten die Strapazen dieser gefährlichen Expeditionen jedoch nicht, starben an unbekannten Krankheiten, wurden Opfer ihres Sammelfiebers und nicht selten von wilden Tieren oder Einheimischen ermordet.

Nachdem bereits zahlreiche Orchideen in den verschiedensten Blütenformen und -farben zu uns gelangt waren, suchte man besonders intensiv nach blauen Orchideen. Im Jahre 1901 reisten acht Pflanzenjäger auf die Philippinen, um dort blau blühende Exemplare zu finden, doch ihre Expedition war vom Unglück verfolgt: Fünf von ihnen verschwanden spurlos, einer wurde von einem Tiger gefressen und ein weiterer starb, nachdem man ihn mit Öl übergossen hatte. Nur einer der acht kehrte unversehrt in die Heimat zurück – mit sage und schreibe 7.000 gesammelten Orchideen im Gepäck! – Blau war davon jedoch keine.

Die Orchideenjagd war ein gefährliches Geschäft, doch die größte Gefahr ging meist nicht von den in fremden Ländern und Kontinenten herrschenden Umständen aus, sondern von den Wettbewerbern der Orchideensammler!
Da man mit neuen und ungewöhnlichen Orchideen vor allem im 19. Jahrhundert riesige Gewinne erzielte, war die Rivalität unter den Pflanzensammlern entsprechend groß und endete häufig mit dem Tod eines der Konkurrenten. So mancher starb infolge eines tödlichen Duells oder durch einen Hinterhalt. Zudem kam es auch häufig vor, dass ein Pflanzenjäger die Orchideenbeute seines Konkurrenten zerstörte, damit dieser nichts mehr davon in seine Heimat schicken konnte. Rücksichtslos wurden riesige Urwaldflächen abgeholzt, damit die Sammler an die Orchideen in den oberen Ästen gelangen konnten. Häufig wurden ganze Naturstandorte der begehrten Gewächse durch Feuer zerstört, damit sie verhassten Konkurrenten nicht in die Hände fielen.

In Europa warteten derweil reiche Auftraggeber und Botanische Gärten fieberhaft auf neue, ungewöhnliche Orchideen aus der Fremde. Es war seinerzeit üblich, die Ankunft von Schiffen mit Orchideen an Bord in Zeitungen anzukündigen – die erfolgreichen Orchideenjäger wurden bei ihrer Ankunft in den europäischen Häfen wie zurückkehrende Helden bejubelt und begrüßt.

Auf Auktionen versteigerte man die pflanzlichen Neuankömmlinge zu teils astronomischen Preisen. Besonders spektakuläre nach Europa gelangte Orchideenarten wurden meist sehr zeitnah für botanische Fachbücher und Zeitschriften gezeichnet – noch heute erzielen diese äußerst detailgetreuen, prachtvollen Zeichnungen bei Sammlern Höchstpreise. Das Orchideengeschäft nahm im Lauf der Jahre unvorstellbare Dimensionen an; so manche Gärtnerei besaß Anfang des 20. Jahrhunderts Sammlungen von über einer Millionen Pflanzen! Der Gärtner und Orchideenzüchter Frederick Sander ließ sogar eigens einen Eisenbahnanschluss bis zu seiner Firma legen, damit er seine Pflanzenschätze in der ganzen Welt gewinnbringend veräußern konnte.

Noch heute erfreuen sich Orchideen großer Beliebtheit, aber die Methoden der Orchideensammler sind glücklicherweise nicht mehr so martialisch wie im 19. Jahrhundert. Die Pflanzen, die wir heute in den Gärtnereien erwerben können, stammen nicht von Naturstandorten, sondern werden in Gewächshäusern professioneller Orchideenzucht- und -vermehrungsbetriebe kultiviert. Orchideensammler gibt es allerdings auch noch heutzutage. Aber eine wirklich blaue Orchidee hat bis heute kein Pflanzenjäger finden können!

 

 

Träume scheinen mir wie Orchideen.
So wie jene sind sie bunt und reich.
Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
freuen in der flüchtigen Minute,
in der nächsten sind sie tot und bleich.
Und wenn Welten oben leise gehen,
fühlst du's dann nicht wie von Düften wehen?
Träume scheinen mir wie Orchideen.

Aus dem Gedicht »Der Träumer II« von Rainer Maria Rilke (1896)
Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text: Antje Peters-Reimann

Foto 1: Quelle: Wikimedia Commons: Miltoniopsis roezlii aus dem „Orchid Album" von Robert Warner and Benjamin Samuel Williams
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R._Warner_%26_B.S._Williams_-_The_Orchid_Album_-_volume_02_-_plate_064_(1883).jpg

Foto 2: Quelle Wikimedia Commons: Odontoglossum Grande aus dem „Orchid Album" von Robert Warner and Benjamin Samuel Williams
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R._Warner_%26_B.S._Williams_-_The_Orchid_Album_-_volume_02_-_plate_079_(1883).jpg