Marzell und die deutschen Pflanzennamen

So bunt, wie die Pflanzenwelt in Mitteleuropa war, so farbig und vielfältig waren auch die Namen, die man den Pflanzen gab. Denn man sprach hierzulande dutzende, wenn nicht hunderte von Dialekten. Entsprechend unterschiedlich wurden die Pflanzen gedeutet und beurteilt, was schließlich in ihren Bezeichnungen zum Ausdruck kam.

Namen wie Eisenhut, Tränendes Herz, Rittersporn oder Storchschnabel sind nicht vom Himmel gefallen, sie wurden nicht erfunden, sondern gefunden. Hat sich heute auch »Eisenhut« durchgesetzt, einst gab es auch »Tuifelskappe« in Tirol, »Soldatenkappen« in Mittelfranken und aberdutzende Namen, die nicht nur die Blüte beschreiben, sondern auch auf die enorme Giftigkeit von Aconitum napellus hinweisen. Nachzulesen ist das im »Wörterbuch Der Deutschen Pflanzennamen« von Heinrich Marzell. In 5 Bänden hat Marzell zusammengetragen, was die deutschsprachigen Regionen an Pflanzennamen von Abies alba, der Edeltanne bis Yucca filamentosa zu bieten hatten. Die Yucca hatte, so ist zu lesen, die Namen Schusterpalme oder einfach Palmlilie.

Heinrich Marzell, 1885 in München geboren und 1970 in Erlangen gestorben, studierte Botanik, Chemie und Germanistik. Er war in Gunzenhausen als Lehrer tätig. Bereits 1911 hatte er mit einem sprachwissenschaftlichen Verlag einen Vertrag über das Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen abgeschlossen: Druckfertige Lieferung bis 1922! Aber er war 4 Jahre Soldat im 1. Weltkrieg. Der Verlag konzidierte ihm gnädig noch 3 Jahre bis zur Lieferung. Aber auch daraus wurde nichts. Marzell merkte bald, dass die Arbeit viel zu umfangreich wurde, um sie neben der Lehrertätigkeit fortzuführen und zu vollenden. Dann kamen ihm die Nazis zur Hilfe. Deutsche Pflanzennamen, das passte zu ihrer Ideologie. Nun übernahm die Preußische Akademie der Wissenschaften die Arbeit in ihre Obhut, und das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus befreite ihn weitgehend vom Schuldienst. So konnten1937 die ersten Bände herausgebracht werden. Mir liegt ein fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1943 vor.

Die modernen Kommunikationsmittel, die wir nicht mehr missen wollen, haben mit dem Einheitsdeutsch zu Einheitsnamen beigetragen. Der überregionale Pflanzen- und Samenhandel tat ein Übriges zum Namensschwund. Im »Marzell« zu schmökern bereitet deshalb großes Vergnügen.

 

Zum Beispiel Dicentra spectabilis:
Obwohl das Tränende Herz erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Bauerngärten Einzug hielt, wurde es schnell mit vielen schönen Namen bedacht: Meist steht das Herz im Mittelpunkt. Das Flammende, das Weinende, das Gebrochene Herz, das Männerherzl, das Frauenherz, das Blutende Herz.
Sehr unterschiedlich war die Bewertung und dadurch die »Benamung« der Schwarzen Johannisbeere. Oft wurde der Geruch verteufelt: Namen wie Bocksbeere, Wanzenbeere, gar Scheißbeere sagen einiges. Viele Namen verraten, wie wichtig Ribis nigrum in der Volksmedizin war: Fieberbirl in Niederbayern, Lendenschmerzkraut, Wasserbeere in Württemberg. Auffallend oft wird die Schwarze Johannisbeere Gichtbeere oder Gichtbaum genannt.

Zuletzt etwas zum Raten
Welche Pflanze verbirgt sich hinter diesen Namen: Ohrpeinkraut, Warzenkraut, Geschwulztkraut? Helfen vielleicht diese Namen: Gewitterkraut, Steinrose oder Mauerwurz? In der Steiermark sagte man Gugellumpferl und damit ist sicher alles klar. Oder? Kürzen wir es etwas ab. In vielen Regionen nennt man die Pflanze Hauswurz oder sogar Hauskrone. Gemeint ist damit natürlich Sempervivum tectorum!


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Christian Seiffert
aus Jamlitz und Eresing Seit 2001 experimentiert Christian Seiffert parallel in zwei geographisch weit auseinanderliegenden Gärten: in Oberbayern und in der Niederlausitz, im Land Brandenburg.
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Text: Christian Seiffert
Fotos: Christian Seiffert und Staudengärtnerei Gaißmayer